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Internationale Politik
Rechtsruck in Ungarn: Einer hielt dagegen!
Die Parlamentswahlen in Ungarn am vergangenen Sonntag wurden zum Triumph für die politische Rechte. Nur eine Partei hielt erfolgreich dagegen: Erst zu Beginn letzten Jahres als Partei gegründet, wurde Lehet más a Politika (LMP - bedeutet übersetzt, die Politik kann anders sein) zur vierten Kraft im Parlament mit beachtlichen 7,4 %. Die Budapester Zeitung unterhielt sich mit Spitzenkandidat András Schiffer über das, was seine Partei einzigartig macht. Das Interview wurde noch vor den Wahlen geführt.
Was hat Ihre Partei besser gemacht?
Ich würde sagen, wir sind einfach anders aufgestellt. Wir sind Idealisten. Bei uns erfolgt die Parteiarbeit ehrenamtlich – ich selbst verdiene mein Geld etwa noch immer als Rechtsanwalt. Außerdem sind wir, was unsere Zusammensetzung betrifft, recht heterogen. Wir haben Mitglieder mit einem liberalen Hintergrund ebenso wie solche mit einem linken oder konservativen. Einige Mitglieder kommen aus der Umweltaktivistenszene, andere von den Menschenrechtlern. Vielleicht wird bei uns wegen dieser Vielseitigkeit intern nicht so verbissen gekämpft wie bei anderen Parteien. So sind wir auch gegenüber abweichenden Vorstellungen toleranter und kompromissbereiter.
Wer von den letzten zwanzig Jahren genug hat, kann im Wesentlichen unter zwei Alternativen wählen: Jobbik und LMP. Jobbik kommt inzwischen der 20-Prozent-Marke immer näher, Ihre Partei macht sich dagegen noch immer wegen der 5-Prozent-Hürde Gedanken. Was haben Sie falsch gemacht?
Jobbik bietet auf komplizierte Probleme vereinfachte Antworten. Es gibt viele desillusionierte, enttäuschte ungarische Wähler, die man mit solchen Antworten und klar erkennbaren Sündenböcken leicht ködern kann. Außerdem gibt es Jobbik schon wesentlich länger als uns. Und schließlich ist diese Partei finanziell wesentlich besser ausgestattet als wir.
Denken Sie in diesem Zusammenhang nicht, dass Ihre Antworten zu kompliziert sind?
Wir haben Respekt vor dem Intellekt der Bürger. Wir werden ihn nicht missachten. Wir sehen unsere Mission auch darin, den ursprünglichen Sinn der Politik wieder herzustellen. Dazu gehört nicht, dass wir die Menschen manipulieren und niedere Instinkte ansprechen. LMP ist eine Partei, die die Menschen nicht für dumm verkauft. Effekthaschende Simplifizierungen sind nicht unsere Sache.
Hat der rasante Aufstieg von Jobbik nicht auch etwas mit den anderen Parteien zu tun?
Durchaus. Der Aufstieg von Jobbik war keinesfalls gesetzmäßig. Beide Blöcke haben einen gewaltigen Anteil am Aufstieg von Jobbik. Der inzwischen nur noch seinem Namen nach linke, in Wahrheit aber knallhart neoliberale postsozialistische Block verfährt beharrlich stets nach dem gleichen Rezept: Immer wenn er nichts mehr vorweisen kann und keine Argumente mehr hat, muss die Faschismusgefahr als Legitimationsgrundlage herhalten. Auf die Dauer kann man aber das Immunsystem der Gesellschaft nicht ungestraft permanent in Alarmbereitschaft versetzen.
Inwieweit ist der Fidesz für den Jobbik-Aufstieg verantwortlich?
Es fing damit an, dass der Fidesz schon lange vor Ferenc Gyurcsánys Lügenrede von Õszöd an den verfassungsrechtlichen Grenzen zu rütteln und den Glauben an die demokratischen Institutionen zu unterminieren begann. Schon vor dem Aufstieg von Jobbik wurden in Fidesz-nahen Publikationen Ressentiments gegen Zigeuner und Homosexuelle geschürt. Diese Saat geht jetzt auf. Außerdem wurde seit 1990 die Systemkritik im Wesentlichen der Rechten überlassen. Sobald man als eher Linker derartige Themen ansprach, lief man Gefahr, als Faschist oder wenigstens Populist diffamiert zu werden. Dabei wird beispielsweise die Frage der Privatisierung der Versorger in Westeuropa auch von grünen und linken Parteien behandelt. Ein weiterer Grund ist die bisherige Wirtschaftspolitik, bei der der Fokus klar auf der Anziehung von Auslandskapital liegt. Der Stärkung des einheimischen KMU-Sektors wurde dagegen eine deutlich geringere Aufmerksamkeit zuteil.
Neben dem Kampf gegen die Korruption haben sich beide Parteien auch dezidiert des Roma-Themas angenommen. Bei Jobbik gehört das zum Konzept, aber bei Ihnen?
Wir sagen, in Ungarn gibt es kein Zigeuner- sondern ein Armutsproblem. Gleichzeitig muss man aber auch den Realitäten ins Auge schauen! Wenn das Zusammenleben von Roma und Nicht-Roma über alle Partei- und ideologischen Grenzen hinweg von den Bürgern als Problem erachtet wird, dann darf man nicht so tun, als würde es nicht existieren. Man muss sich dazu äußern. Auch wenn wir eigentlich der Meinung sind, dass wir die bekannten Probleme nicht über eine gesonderte Roma-Politik, sondern in erster Linie mittels einer allgemeinen – wir nennen es – „farbenblinden“ Politik lösen wollen. Im Fokus dieser Politik steht nicht eine ethnische Gruppe, sondern die Armut als solche.
Mit welchen Mitteln würde die LMP die Lage der Roma - oder Armen - verbessern?
Auch wir haben keine Wundermittel. Zu allererst sollte der Staat über die Beschäftigungs-, Bildungs- und Steuerpolitik etwas tun. Darüber hinaus schlagen wir die Schaffung eines Mediatornetzes vor, das mögliche gewaltsame Konflikte schon in der Keimphase, also noch bevor etwa die Polizei anrückt, behandelt. Der Staat sollte weiterhin mit aktiven Mitteln an der Herausbildung einer Roma-Mittelschicht teilnehmen. Etwa über staatliche Unternehmen oder in Sektoren, wo der Staat einen direkten Gestaltungsspielraum hat. Es muss mehr Roma-Polizisten, -Beamte und -ärzte geben. Das würde sowohl Jugendlichen eine Perspektive eröffnen, als auch ihrem Ansehen bei den Nicht-Roma-Bürgern zuträglich sein.
Sie sind also für eine positive Diskriminierung oder gar Roma-Quoten?
Man muss nicht unbedingt in diese Richtung denken. Es gibt durchaus auch weiche Methoden für den Staat, um sich in den Grenzen der Verfassung stärker als bisher für die Schaffung einer Roma-Mittelschicht einzusetzen.
Der wichtigste Punkt Ihres Programms ist jedoch der Kampf gegen die Korruption – ein Gebiet, das inzwischen auch bei allen anderen Parteien Hochkonjunktur hat.
Besonders abwegig, ja geradezu absurd finde ich, dass sich jetzt sogar die MSZP zum Kämpfer gegen die Korruption aufschwingt. Wenn ich nur daran denke, dass ihr Spitzenkandidat Attila Mesterházy etwa beim Fall Zuschlag zumindest einen Teil der politischen Verantwortung trägt... Jetzt tun die MSZP-Spitzenpolitiker so, als hätten sich nur einige korrupte Politiker in ihre Reihen verirrt und dass man des Problems schnell Herr werden würde. Ernsthafte Menschen lassen solche Erklärungen einfach kalt.
Und warum sollten sie sich gerade für Ihre Vorschläge erwärmen?
Wir sind die einzige Partei, die über ein umfassendes Anti-Korruptionsprogramm verfügt. Fidesz und Jobbik halten sich nur auf der Ebene der Drohungen auf. Sie wetteifern darum, wer nach dem Machtwechsel härter „abrechnet“. Beide Parteien sind eindeutig vergangenheitsorientiert. Sie beschäftigen sich nur mit den bereits vorliegenden Fällen. Wir sind hingegen der Ansicht, dass die Frage der Abrechnung in einem Rechtsstaat ausschließlich die Sache der zuständigen Einrichtungen sind. Wir stimmen mit der Opposition darin überein, dass Ungarn nicht länger ein „Land der ausbleibenden Konsequenzen“ sein darf, in dem die Mächtigen quasi über den Gesetzen stehen. Nicht zuletzt, weil das daraus resultierende Gefühl der Ohnmacht den extremistischen Kräften unnötigen Auftrieb beschert. In den letzten Monaten ist hinsichtlich der Aufklärung von Korruptionsfällen ein erfreulicher Prozess in Gang gekommen. Ich denke nicht, dass es eine extra Aufgabe der neuen Regierung sein sollte, sich hier einzumischen. Das sollten wir den entsprechenden Behörden überlassen. Schöne Worte sind hier nicht genug! In Rechtsstaaten sind einzig rechtsstaatliche Garantien akzeptabel. Und die fordern nur wir.
Welche sind das?
Wir sind etwa für eine Stärkung der Rolle des Staatlichen Rechnungshofes. Außerdem muss die Institution der strafrechtlichen Immunität von Abgeordneten verschärft werden. Vorstellbar ist beispielsweise, dass das Verfassungsgericht darüber wacht. Als Kernstück unseres Antikorruptionsprogramms betrachten wir aber die Regelung der Parteienfinanzierung. Hier brauchen wir endlich eine saubere Lösung. Von Seiten der etablierten Parteien brauchen wir uns diesbezüglich keine Hoffnungen mehr zu machen. Eine Lösung kann nur von einer Partei erzwungen werden, die sich in Sachen Korruption nichts vorwerfen muss. Des Weiteren sind wir auf sämtlichen sensiblen Gebieten für eine Erhöhung der Transparenz. So muss etwa bei jedem, der in einer Führungsposition bei einer öffentlichen Einrichtung tätig ist – sei es nun einem staatlichen Unternehmen oder einer Verwaltungskörperschaft – überprüfbar sein, an welchen Firmen er beteiligt ist. Bei sämtlichen öffentlichen Ausschreibungen und Bewerbungen um staatliche Gelder, müssen alle eingegangenen Gebote und Anträge, sofort nach Ablauf der Frist veröffentlicht werden.
Wo wollen Sie bei der Wirtschaftspolitik Akzente setzen?
Wir sind für berechenbarere Rahmenbedingungen, geringere administrative Lasten und weniger Steuerarten. Bei der Wirtschaftsförderung sind wir für eine Akzentverschiebung weg von der einseitigen Orientierung auf die großen Multis hin zu einer stärkeren Förderung des KMU-Sektors. Nicht zuletzt, weil es einfach nicht genug ist, bei der Anhebung unserer mit 53 Prozent äußerst geringen Beschäftigungsquote nur auf die Multis zu setzen. Außerdem werden wir uns weiterhin für eine grüne Wende einsetzen, in erster Linie für mehr Nachhaltigkeit. So sind wir unter anderem für eine stärkere Nutzung regenerierbarer Energieformen, für einen sparsameren Umgang mit Energie, aber auch für den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft.
Wie sieht die EU-Politik der LMP aus?
Wir wollen die Rolle des europäischen Parlaments erhöhen. Außerdem sind wir für einen Abbau der überflüssigen Bürokratie. Die ganze EU sollte transparenter werden und mehr Möglichkeiten für die direkte Teilnahme der EU-Bürger bieten. Ungarn sollte in den EU-Foren darauf hinwirken, dass die EU bei der Neuordnung der Finanzsysteme eine Spitzenrolle übernimmt. Auch sollte sich unser Land auf EU-Ebene gegen den sich abzeichnenden Steuer- und Lohnwettbewerb besonders zwischen den Ländern unserer Region engagieren. Wir brauchen eine aktivere, selbstbewusstere EU-Politik.
Wie durchlässig ist das ungarische Parteiensystem?
Unser Beispiel belegt: Es ist durchlässig. Die Rahmenbedingungen erschweren es neuen Parteien jedoch außerordentlich nach oben zu kommen. Hier sehe ich viel Handlungsbedarf. Es geht hier aber nicht nur um neue Parteien, sondern auch um neue Gesichter in den alten Parteien. Auch hier sehe ich gewaltige Defizite. Bei den Alt-Parteien sind die meisten Exponenten schon seit der Wende mit dabei. Neue Gesichter haben es innerhalb der etablierten Parteien sehr schwer, nach oben zu kommen.
Neben Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zählt die Teilnahme zu den drei Grundwerten Ihrer Partei. Sind die ungarischen Bürger wirklich zu einer stärkeren Teilnahme an der Politik bereit?
Man muss daran glauben, dass es der Wunsch eines jeden Menschen ist, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und es nicht den Händen anderer zu überlassen. Die Apathie der Bürger ist der größte Gegner für alle Kräfte, die das bestehende System der ungarischen Demokratie erneuern wollen.
Quelle: Budapester Zeitung
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